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Als ich das Hotel gebucht hatte, dachte ich: Lido di Venezia, das hört sich gut an. Die Hotels charmant und bezahlbar. Was ich nicht wußte: Der Lido ist eine Insel! 

Als wir am späten Nachmittag in Peschiera del Garda abfahren wollten und versuchten, die Route zu planen, wußten wir zuerst nicht, warum uns der Routenplaner keine Ergbenisse bringt. Bis wir merkten: Der Lido ist eine Insel. Also haben wir erst einmal den Weg nach Venedig eingegeben und fuhren los.

An- und Abreise mit Hindernissen

Nach einer (wieder mal) aufreibenden Suche nach einer Ladesäule mit Schnellladefunktion (dazu kommt bald ein Post) landeten wir am frühen Samstagabend in Padua. Auf einem proppenvollen Ikea-Parkplatz. Leider war die Schnellladesäule von einem Tesla belegt, so dass wir erst einmal die langsame nehmen musste, was eine ewige Wartezeit bedeutet. Als wir nach einer Stunde Lahmladens kurz vor dem Aufgeben waren (bis 100 Prozent sagte uns die Anzeige eine weitere Ladezeit von zwei Stunden voraus (22KWh!)), kam endlich der Teslafahrer zurück und wir stürzten uns nach seiner Abfahrt auf das Schnellladekabel, das uns innerhalb von 20 Minuten die Weiterfahrt ermöglichte.

Das Gute an Ladepausen (und das muss ich mir als ungeduldiger Mensch immer wieder sagen) ist, dass man sich tatsächlich Zeit nehmen kann. Für die Recherche zum Beispiel oder die Pause zur Entspannung zu nutzen. Wir nutzen die Pause, um zu recherieren, wie wir eigentlich zum Lido kommen und fanden heraus, dass es eine Fähre gibt, die von Mestre, einem Vorort Venedigs bis zum Lido fährt. Und das bis Mitternacht. Dies wiederum entspannte uns und so fädelten wir uns mit geladener Batterie in den Kreisverkehr vor dem Ikea Richtung Venedig ein.

Was dann kam, war ein Erlebnis. Als wir uns Mestre näherten fuhren wir über eine lange Brücke, die Ponte della Libertà, die Freiheitsbrücke, die Venedig mit dem Festland verbindet. Die Sonne ging langsam unter während am Ende der Brücke Venedig auftauchte. Wir waren verzückt.

Wir näherten uns den Fähr-Terminals und es war überraschend einfach, ein Ticket aus dem Auto heraus an einem Schalter zu kaufen und direkt auf die Fähre zu fahren.

Die Fahrt von Mestre an den Lido mit der Autofähre dauert 25 Minuten, Auto und zwei Personen kosten 35 Euro. Für das, was man dafür bekommt, ein Schnäppchen:

Langsam fuhren wir hoch oben auf dem Deck der Fähre an Venedig vorbei, während der Himmel sich mehr und mehr rosa färbte, die Möwen uns begrüßten und die letzten Strahlen der Sonne das Wasser zum Glitzern brachte. Die Fähre fuhr langsam durch den Kanal, am Markusplatz vorbei, kleine und große Boote kreuzten die Lagune, warme Lichter der Stadt spiegelten sich im Wasser. Zattere, Giudecca, die Giardini der Biennale zogen an uns vorbei. Als wir ankamen, bedauerten wir, dass die Fahrt schon vorüber war.

Unser Hotel, das Russo Palace Hotel, empfing uns mit dem Charme vergangener Zeiten. Alles war sauber, auch wenn im Eimer vor unserer Tür die letzten Regentropfen vom Dach aufgefangen wurden und jeder Tropfen ein Plopp erzeugte. Aber darüber schauten wir großzügig hinweg, denn der Blick von der Terrasse auf Venedig und die Lagune waren atemberaubend.

Was mir bei der Buchung gar nicht klar war: Wir hatten das richtige Timing erwischt. Zwei Tage später begannen die Filmfestspiele und die Hotels werden unbezahlbar.

Vor den Filmfestspielen ist der Lido ein unglaublich entspannter Ort, fast ein Dorf, und wer lieber außerhalb Vendigs und doch so nah dran übernachten möchte, ist hier am richtigen Platz. Stilvolle Restaurants, eine kleine Bummelmeile mit Eisdiele und Supermarkt, die Atmosphäre wesentlich ruhiger und authentischer als in Venedig. Außerdem gibt es schöne, breite Sandstrände, darunter auch einen großen Freistrand.

Tipp für einen Tag am Strand

Die meisten Hotels bieten Fahrräder an, ansonsten gibt es auch einen Fahrradverleih. Da die Insel flach ist, macht das Fahrradfahren Spaß und wer mag kann damit zum Ende des Lidos fahren nach Alberoni und dort im Restaurant Macondo Alerboni eine Kleinigkeit essen. Der Platz ist nicht einfach zu finden aber es lohnt sich, nicht aufzugeben. Man kommt zu Fuß hin über den Strand oder durch ein kleines Pinenwäldchen. Das Restaurant mit kleinen Speisen wie Couscous mit Gemüse oder gebratenem Kürbis wird von jungen Menschen mit viel guter Laune geführt. Nach dem Mittagessen kann man sich für ein kleines Schläfchen an den davorliegenden Strand zurückziehen. Deshalb: Badesachen und Handtuch nicht vergessen!

Auf dem Rückweg machten wir Halt in der Trattoria Locanda da Scarso und aßen einen Teller Pasta und waren die einzigen (deutschen) Touristen. Ganz anders als am nächsten Tag in Venedig …

Vom Lido nach Venedig

Ganz einfach kann man vom Lido mit verschiedenen „Wasserbussen“ nach Venedig fahren. Das Einzelticket mit dem Vaporetto kostet 9 Euro und man braucht ungefähr 15-20 Minuten. Aussteigen kann man an verschiedenen Haltestellen wie der Biennale oder am Markusplatz. Alles ist super organisiert und leicht zu finden. Wir stiegen am Markusplatz aus und es war erstaunlich wenig los an diesem Montagmorgen. Nur wenige Touristen waren auf dem Markusplatz unterwegs. Ich wunderte mich, aber Petra Reski, mit der ich zum Interview verabredet war, sagte: Erst ab 11 Uhr geht es richtig los. Dann kommen die Busse an und die Massen fluten die Stadt.

Nach meinem Interview mit der in Venedig lebenden Journalistin und Autorin Petra Reski (das Interview kommt blad) fanden wir eine Bar in der wir Cicchetti aßen und den Hauswein dazu tranken.

Cicchetti sind eine Besonderheit in Venedig. Cicchetti sind leichte Häppchen, etwa belegte Weißbrotscheiben oder Polentascheiben, die in venezianischen Weinbars, die Bàcari heißen, serviert werden. Eigentlich als Aperitivo gedacht, aber man bekommt sie auch bereits zum Mittageseen. In den Bàcari treffen sich die Einheimischen auf ein Glas Wein, viele trinken einen „Ombra“, ein kleines Glas gekühlten lokalen Wein. Ombra bedeutet Schatten. Die Weinverkäufer am Markusplatz nutzten angeblich den Schatten des Glockenturms und rückten mit dem Schatten mit, damit der Wein schön kühl blieb. Wer sich venezianisch fühlen möchte, sollte un’ombra und ein paar cicchetti bestellen und sich zu den Einheimischen gesellen.

Auf der Suche nach einem ruhigen Cafè an einem Kanal – ich hatte in einem Film mal gesehen, wie die Leute ganz entspannt am Kanal in einer Bar Kaffee getrunken hatten – fanden wir nur Touristenmassen und Lokale mit „Buttadentros“ (Kellner, die dich ansprechen und dich ins Restaurant „werfen“ wollen). Cafès am Kanal gabs schon, aber entspannt ging es dort nicht zu. Auch auf den Kanälen kamen die Gondeln mit den Touristen aus der ganzen Welt kaum aneinander vorbei und je näher wir der Rialto-Brücke kamen, gab es auch auf dem Land kein Durchkommen mehr.

Ein Venezianer überquert den Kanal stehend

Beim Übersetzen mit der Gondel von einer Uferseite zur anderen kam ich ins Gespäch mit einem Signore mit einem Gehstock. Ich bot ihm meinen Sitzplatz an, aber er lehnte ab und sagte: „Ein Venezianer überquert den Kanal stehend.“ Und tasächlich sah ich später auf alten Fotos, dass die Passagiere standen und niemand sich an den Rand des Bootes niedergelassen hatte. Das machen eben nur müde Toouristen. Der Herr hielt elegant das Gleichgewicht auf dem schwankenden Boot und als wir auf der anderen Seite ankamen erzählte er, dass er in Venedig geboren wurde und später für Olivetti, die Schreibmaschinenfirma, auf der ganzen Welt gearbeitet hatte. New York, Mexiko, Argentinien … und dann kam er zurück nach Venedig.

„Aber Venedig ist ein Vergnügungspark geworden“, sagte er und zeigte auf die Geschäfte mit den billigen Souvenirs. Hier sei ein Ausstellungsraum von Olivetti gewesen, dort ein schönes Restaurant. Alles wurde zugemacht und jetzt gibts nur noch Angebote für die Touristen. Damit lasse sich eben mehr Geld verdienen. Das Leben in Vendedig sei anstrengend und mache keinen Spaß mehr. Auch leben heute kaum mehr Einheimische in der Stadt. 

Auf dem Rückweg über den Markusplatz kamen wir am Cafe Florian vorbei. Das Cafè Florian ist eines der berühmtesten Kaffees der Welt und zum Cappuccino spielt ein Quartett Vivaldi.

Ich erinnerte mich daran, wie ich vor vielen Jahren dort Kaffee getrunken hatte. Großzügig und unwissend lud ich meine Mitreisenden zum Cappuccino ein. Als die Rechnung kam konnte ich es kaum glauben: 48.000 Lire (also damals fast 50 Mark) musste ich für vier Cappuccini bezahlen. Die Musik wurde extra auf der Rechnung ausgewiesen, obwohl die Musiker gerade eine Pause eingelegt hatten.

Dieses Mal gab es keinen Kaffee im Florian.

Zurück am Lido genoßen wir die entspannte Atmosphäre und erholten uns auf unserem Balkon von Venedig.

Eine Überraschung hielt der Lido bei der Abreise noch für uns bereit und erinnerte uns daran, dass der Lido eine Insel ist: Durch die Vorbereitungen für die Filmfestspiele waren zalhlreiche Handwerker auf die Insel gekommen. So wie wir wollten sie am späten Nachmittag die Fähre zurück aufs Festland nehmen. Da wir nicht reserviert hatten, mussten wir uns in die lange Schlange einreihen und als wir nach stundenlangem Warten endlich einen Platz auf der Fähre ergattern konnten, verließen wir den Lido so spät, wie wir angekommen waren. 

Dafür sahen wir auf der Rückfahrt wieder die Sonne untergehen und fuhren noch einmal ganz langsam durch die Lagune an Vendig vorbei zurück auf die terra ferma, das Festland.

Und dann ging es weiter nach Bologna.

Good to know

Der Lido ist nur im Sprachgebrauch eine Insel, Fachleute sprechen von der Nehrung. Eine Nehrung ist eine flache, langgestreckte Insel, die die Lagune von der Adria trennt.