Wilma ist Modedesignerin in Rom und ich bin schon lange ein großer Fan ihrer stilvollen Mode. Gemeinsam mit ihrer Tochter Carlotta hat sie die Sacripante Gallery zu einem Ort der schönen Dinge gemacht. Neben Wilmas Mode gibt es hier wechselnde Kunstausstellungen, Design, Kaffee und Cocktails.
Auf dem gemütlichen roten Sofa der Galerie sprechen wir über die italienische Schneidertradition, Vintage-Stoffe, ihr Galeriekonzept – und darüber, warum Eleganz nichts mit Perfektion zu tun hat.
Hallo Wilma, deine wunderbaren Kleidungstücke findet man hier in der Sacripante Gallery – die aber kein klassisches Modegeschäft ist. Wie würdest du diesen Platz beschreiben?
Die Galerie hier ist ein lebendiger Ort. Eine Mischung aus Atelier, Galerie, Bar und Wohnzimmer. Für meine Tochter Carlotta und mich ist es wie ein zweites Zuhause. Es ist, als würde man Gäste zu sich nach Hause einladen – sie schauen sich eine Ausstellung an, probieren ein Kleid an, trinken einen Kaffee oder nehmen einen Drink.
Der Ort will entdeckt werden. Nicht alle sind daran interessiert – viele sind in Eile, vor allem Touristen, die sich viel anschauen wollen, natürlich auch das Kolosseum, das hier um die Ecke ist. Aber es gibt Menschen, die sofort verstehen, was wir hier machen. Diese „natürliche Selektion“, wie ich sie nenne, ist wie eine Begegnung zwischen Menschen mit ähnlicher Sensibilität. Dadurch entsteht eine Leichtigkeit: Die Bar ist keine typische Bar, die hunderte Kaffees verkauft, sie ist – wie die gesamte Galerie – ein Ort, an dem man sich Zeit lassen darf.
Wie entstand die Idee, Mode mit Kunst und Gastronomie zu verbinden?
Als wir hier 2018 begannen, waren wir die Boutique mit „etwas mehr“, ohne die Preise zu erhöhen. Ich bin sehr sensibel für gesellschaftliche Veränderungen. Das kommt vielleicht auch von meiner Nähe zur Philosophie. Ich habe immer versucht zu verstehen, wie sich die Welt verändert – und meine Arbeit daran anzupassen.
Du hast schon früh auf Wandel reagiert, etwa bei der Einführung des Euro.
Genau. Damals habe ich gemerkt, dass alles teurer wurde und meine Kundinnen weniger kaufen konnten. Also habe ich neue Wege gesucht und begonnen, die „confezione espresse“, Express-Anfertigungen, zu einem guten Preis anzubieten. Man konnte sich ein Modell aussuchen und wir haben das schnell umgesetzt – mit den gleichen hochwertigen Stoffen wie zuvor. Es ging darum, bezahlbar zu bleiben, ohne Qualität zu opfern.
Du arbeitest viel mit Vintage-Stoffen.
Ja. Ich arbeite mit hochwertigen Stoffen, am liebsten mit Vintage-Stoffen, also Stoffe, die vor mindestens 20 Jahren hergestellt wurden. Sie haben Qualität und Geschichte – im Gegensatz zu vielen heutigen Materialien. Ich arbeite auch mit anderen Stoffen, aber meine Präferenz sind die Vintage-Stoffe. Echte italienische Seide etwa existiert heute kaum noch. Alte Seide ist thermisch, sie streichelt die Haut, sie ist wie eine zweite Haut. Moderne Seide wirkt dagegen oft fast wie Viskose.
Man kann auch sagen: Ich mache nicht unbedingt jeden Trend mit. Wenn zum Beispiel gerade Gelb angesagt ist und jemand sucht deshalb etwas Gelbes bei mir, dann möchte ich die Menschen lieber einladen, die Farbe zu wählen, die ihnen gefällt und die ihre Sensibilität, ihre Seele widerspiegelt. Ein Kleidungsstück sollte dein Inneres repräsentieren.
Ich suche vor allem Stoffe, die langlebig sind. Italien war bis in die 90er Jahre eine Goldgrube für Designer aus aller Welt. Alle kamen nach Italien, um Stoffe zu kaufen. Besonders im Süden Italiens gab es viele kleine Schneidereien, weil man sich früher die Kleidung schneidern ließ. Sie konnten dem Druck von Zara, H&M und anderen großen Ketten nicht standhalten.
Heute ist es selbst bei teureren Kleidern nicht selbstverständlich, gute Stoffe zu finden.
Mir gefällt auch die Verflechtung von Kulturen. In manchen Stücken sieht man Stickereien aus Indien, Afghanistan oder Afrika – ich arbeite auch gerne mit afrikanischen Stoffen.
Du hattest vor der Galerie ein Studio mit Atelier. Wie ist es für dich, in einer Galerie zu arbeiten?
In einer Galerie zu arbeiten war eine gute Entscheidung. Viele Menschen verbinden sichtbare Nähmaschinen eher mit Änderungen oder Reparaturen. Aber wir wollen Kleider erschaffen, nicht Hosen kürzen.
In einer globalisierten Welt ist es schwer zu erklären, warum es einen großen Unterschied gibt zwischen einem Kleid aus einer Kette und einem aus einer unabhängigen Boutique. Ein niedriger Preis bedeutet oft billige Arbeitskraft, da steckt auch ein ethischer Aspekt dahinter. Es ist wichtig zu verstehen, woher die Stoffe kommen und wie viel Arbeit im Entwurf und im Schnitt steckt.
Welche Rolle spielt Mode für eine italienische Frau?
Mode spielt für Italienerinnen eine sehr wichtige Rolle. Durch die Globalisierung ist Mode in gewisser Weise für alle gleich geworden. Aber in Italien gibt es eben eine bedeutende Tradition der Schneidereien. Valentino und viele der großen, berühmten Designer stammen ursprünglich aus diesen Ateliers.
Vielleicht sind italienische Frauen deshalb sensibler für langlebige Mode als für sogenannte Fast Fashion. Trotzdem sieht man auch hier, dass viele bei Modeketten einkaufen. Selbst Menschen, die eigentlich Maßkleidung bräuchten, finden dort Angebote.
Warum haben italienische Frauen oft diese selbstverständliche Eleganz?
Ich glaube, das hat viel mit unserer Geschichte zu tun. Italien hat sich in manchen Bereichen langsamer entwickelt als andere Länder, in denen Frauen sich früher emanzipiert haben. Die Frau war für die Familie lange so etwas wie das Aushängeschild: Sie trug das schönste Kleid, war gepflegt.
Das ist eine familiäre Erziehung. Der Mann kann auch leger sein, aber die Frau muss gut gekleidet sein. Mit der Mutter ein Kleid für ein Fest zu kaufen, ist ein Ritual – und das ist tief verinnerlicht.
Viele deutsche Frauen sagen: „In Italien kann ich wirklich Frau sein“, das heißt auch, extravagantere Mode zu tragen.
In Italien ist extravagante Kleidung eher akzeptiert. Ein Hut allerdings ist immer noch etwas, das vielen peinlich ist. Bei Kleidern gibt es deutlich mehr Freiheit. Ein enges oder tief ausgeschnittenes Kleid ist akzeptiert.
Ich glaube, dass in Deutschland eine Frau problemlos Rollen übernehmen kann, die traditionell Männern zugeschrieben werden – bei uns ist das oft schwieriger. Deshalb gibt es hier mehr Aufmerksamkeit für die Frau als Frau, als weibliches Wesen.
Ich würde mir wünschen, dass Frauen mehr Hüte tragen – große Hüte. In Italien sieht man sie fast nur bei amerikanischen Touristinnen. Ich habe einmal mit einer Freundin, die Modistin war und fürs Theater gearbeitet hat, Hüte entworfen. Sie mussten klein, leicht tragbar und unkompliziert sein – dann hat es funktioniert.
Warum sollten Frauen mehr Hüte tragen?
Weil der Hut ein Accessoire ist, das ein Outfit perfekt ergänzen kann.
Muss eine italienische Frau denn schön sein? Was ist überhaupt Schönheit?
Schönheit kommt von innen. Man erkennt sie daran, wie sich jemand bewegt, an Anmut und Haltung. Jemand kann äußerlich perfekt sein und trotzdem nicht wirklich schön.
Deine Mode ist zeitlos und die Stücke immer wieder neu interpretiert. Woher nimmst du die Inspiration für deine Kollektionen?
Aus vielen Dingen. Mich inspiriert ein Mix der Kulturen, ein Buch, ein Satz, eine Frau aus der Vergangenheit, eine berühmte Frau … Inspiration entsteht im Inneren und findet im Außen ihre Form.
Wie siehst du die Rolle der italienischen Frau heute?
Die Zeiten haben sich verändert, ich bin in einer anderen Welt aufgewachsen als zum Beispiel die Generation von Carlotta.
Was mich am meisten erschüttert, ist die anhaltende Gewalt gegen Frauen. Nicht nur Femizide, auch alltägliche Gewalt. Das ist ein riesiges gesellschaftliches Problem.
Sexualerziehung wird seit Jahren gefordert – aber wir sind weit davon entfernt, vor allem mit der aktuellen Regierung, die Machismo fördert und Diversität pathologisiert. Es ist eine extrem schwierige Zeit.
Wir müssen handeln, sonst fallen wir in vielen Bereichen zurück. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine alten Ideale – Frieden, Gerechtigkeit – in einer so zerrütteten Welt wiederfinden würde.
Woher glaubst du, kommt diese Gewalt?
Aus sozialem Unbehagen, Neid, Frustration. Bildung ist der Schlüssel zu einer stabileren Gesellschaft. Veränderung muss von verschiedenen Seiten kommen – durch Erziehung, Respekt und Schule.
Du engagierst dich auch politisch.
Ja. Wir können nicht so tun, als ginge uns das alles nichts an. Krieg, Gewalt, die Zerstörung von Städten und Kulturen – das ist real. Für mich ist es unmöglich, all das zu ignorieren.
Nochmal zurück zur Galerie: Ihr stellt in der Sacripante Gallery wechselnde Künstler*innen aus. Wie wählt ihr diese aus?
Viele fragen uns direkt, ob wir etwas von ihnen ausstellen wollen, machmal kommt jemand per Zufall zu uns und manchmal recherchieren wir auch und sprechen die Künstler*innen an. Darum kümmert sich vor allem Carlotta.
Menschen, die mit Liebe etwas erschaffen – ob ein Kleid oder ein Gemälde – können das Bewusstsein ein wenig verändern. In einer Welt, in der es alles gibt, kann man sich sehr billig kleiden, aber nichts bleibt wirklich. Ich bin sehr glücklich, wenn Kundinnen kommen und sagen: „Das erinnert mich an etwas, das ich vor vielen Jahren gekauft habe.“ Oder wenn jemand sagt: „Mir passt es nicht mehr, aber jetzt tragen meine Töchter die Kleider.“
Sacripante Gallery – Mode, Design, Kunst, Cocktail-Bar
Via Panisperna 59
Im Stadtteil Monti, Rom
Instagram / sacripantegallery










