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Ich habe Cinthia vor vielen Jahren in Rom kennengelernt, als sie gerade ein Geschäft in Monti eröffnet hatte. Sie war eine meiner ersten Interview-Partnerinnen für meinen Rom-Blog. Seitdem sind wir befreundet. Cinthia ist eine echte Römerin – eine Romana-Romana. Durch sie habe ich Rom auf eine sehr private Art kennengelernt – und dazu auch viele ihrer römischen Freunde.

Seit zehn Jahren arbeitet sie nun mit Pflanzen und macht besondere Kreationen daraus – die Kokedame.

Kokedama sind Mooskugeln mit Zimmerpflanzen, die keine Erde und keinen Topf benötigen. „Kokedame“ kommen aus Japan und sind dort beliebte Deko-Objekte.

Ciao Cinthia! Du hast mit 50 Jahren deinen sicheren Job aufgegeben und dich selbständig gemacht. Dein erstes Business hat sich nicht getragen, aber du hast nicht aufgegeben, sondern eine neue Leidenschaft gefunden:  Du kreierst seit ein paar Jahren unter anderem wunderschöne Kokedame. Wie kamst du dazu?

Ich habe Pflanzen schon immer geliebt und gärtnern war lange meine private Leidenschaft – auf meiner Terrasse und in meinem Alltag. Nach einer negativen Erfahrung mit einer anderen Art von Selbstständigkeit hätte ich nie gedacht, noch einmal neu anzufangen. Und dann kam eher zufällig das Thema Kokedama in mein Leben.

Eine Freundin hat ein Geschäft, in dem sie diese Mooskugeln, die Kokedame, verkaufte, die jemand anderes herstellte. Sie wusste von meiner Liebe zu Pflanzen und fragte mich irgendwann: „Warum machst du mir nicht Kokedame?“ Ich habe zuerst abgelehnt. Ich dachte, ich könne das nicht. Bis sie mich eines Tages anrief und sagte: „Ich habe einen Auftrag für dich angenommen. Du musst 30 Kokedame für ein Restaurant machen.“ So hat sie mich – im besten Sinne – dazu gezwungen, anzufangen.

Wie hast du das geschafft?

Ich habe es mir selbst beigebracht. Ich habe recherchiert, Tutorials angeschaut, ausprobiert, Fehler gemacht, verstanden, welche Erde man braucht und welche Pflanzen sich eignen. Aus diesen ersten 30 Kokedame ist dann etwas Größeres entstanden.

Ich habe zwei Gartenbaukurse gemacht, bin offiziell Gärtnerin geworden und arbeite heute mit einem Gärtner aus dem Botanischen Garten in Rom zusammen. Gemeinsam gestalten wir Terrassen und Gärten – immer angepasst an Licht, Lage und Wünsche der Kund*innen.

Und mittlerweile bist du die Expertin. Wieviel Freiraum lassen dir deine Kund*innen?

Meistens sehr viel. Viele kennen sich nicht gut mit Pflanzen aus – was völlig normal ist. Sie sagen mir, was ihnen gefällt, und ich erkläre, was an ihrem Standort wirklich funktioniert. Pflanzen verzeihen keine falsche Platzierung. Wenn etwas nicht passt, muss man sich auf Fachwissen verlassen. Vertrauen ist da ganz zentral.

Cintha kreiert eigene Kokedame und bietet auch Workshops dazu an.

Du gibst auch Kokedama-Workshops. Wie laufen die ab?

Ich gebe Workshops bei Veranstaltungen oder privat – das wird oft als Geschenk gebucht. Ich bringe dann alles mit: Material, Pflanzen, Wissen. Die Workshops können zu Hause stattfinden, im Garten, auf der Terrasse oder in Gemeinschaftsräumen. Ich habe keinen festen Ort, sondern passe mich der Situation an. Das gefällt mir.

Du liebst es, mit Pflanzen zu arbeiten. Was gibt dir diese Arbeit?

Sehr viel Ruhe. Wenn ich im Atelier arbeite oder auf einer Terrasse Pflanzen einsetze, vergeht die Zeit wie im Flug. Pflanzen sind lebendig. Ich kümmere mich um sie – und sie geben mir etwas zurück: Wachstum, neue Blätter, Energie. Wenn es ihnen schlecht geht, leidet man mit. Aber genau das macht die Verbindung so stark.

Ich behandle Pflanzen fast wie Tiere. Sie sind da. Sie reagieren. Und ich glaube wirklich, dass sie uns spüren.

Meine Interviewpartnerinnen sind ja fast immer Frauen 50 plus. Deshalb auch meine Frage an dich: Wie ist es, als Frau „mit Lebenserfahrung“ in Italien zu arbeiten?

Ich habe damit ehrlich gesagt kein Problem. Ich weiß, wie alt ich bin – aber ich fühle es nicht. Mental schon gar nicht. Und ich glaube, das spürt auch mein Umfeld. Ich definiere mich nicht über mein Alter, also werde ich auch nicht so wahrgenommen.

Ich bin überzeugt: Frauen, die arbeiten, die mit Menschen zu tun haben, bleiben geistig jünger.

Was würdest du Frauen raten, die in eine neue Lebensphase kommen, vielleicht sogar in die Rente?

Nicht aufhören. Niemals. Gerade wenn ein Arbeitsleben endet, ist es wichtig, Leidenschaften weiterzuleben – oder sie endlich zu entdecken. Das kann Tanzen sein, Malen, Keramik, Gartenarbeit. Irgendetwas, das einen ausdrücken lässt. Etwas, das Sinn gibt.

Viele Menschen in Deutschland verbinden Italien mit „La Dolce Vita“. Gibt es das „Süße Leben“ noch?

So, wie es oft dargestellt wird, eher nicht. Das ist ein Mythos – eine schöne Geschichte, die sich gut verkauft. Aber Italien ist trotzdem weiterhin ein Land, in dem man gut leben kann: Wegen der Schönheit, des Klimas, der Kultur, der Pflanzenvielfalt.

Italienisch sein heißt für mich vor allem: Gastfreundschaft anzubieten, die Liebe zur Küche, zur Natur und zu dem, was wir teilen können.

Es gibt auch große Unterschiede zwischen Nord- und Süditalien. Im Süden ist es heißer, der Rhythmus langsamer – wie in vielen südlichen Ländern. Im Norden ist die Wirtschaft stärker industrialisiert, der Alltag schneller. Ich finde, das erklärt vieles besser als das romantische Gesamtbild.

Was ist für dich das „Geheimnis“ italienischer Frauen, wenn es um Mode geht?

Ich glaube, es beginnt damit, dass man sich selbst mag. Sich in seiner Weiblichkeit wohlfühlt – und sie ausdrücken möchte.

Viele Italienerinnen haben Freude daran, ihre Weiblichkeit sichtbar zu machen: durch Kleidung, Frisur, Make-up, gepflegte Hände. Aber das ist nichts ausschließlich Italienisches. Französinnen zum Beispiel sind ebenfalls sehr stilbewusst.

Wichtig ist: Weiblichkeit hängt nicht nur von Kleidung ab. Man kann Jeans und T-Shirt tragen und trotzdem sehr weiblich wirken. Es geht um Haltung und Ausstrahlung.
Einige Frauen, die nach Italien gezogen sind, fühlen sich freier darin, sich extravaganter oder feminin zu kleiden, ohne sofort kritisch angeschaut zu werden. Auch wenn sie älter werden.

Auch in Italien gibt es dazu unterschiedliche Haltungen. Manche Frauen ziehen sich mit zunehmendem Alter stilistisch eher zurück, andere behalten ihren Ausdruck bei. Das ist oft eine innere Entscheidung: Fühlt man sich noch aktiv, präsent, neugierig? Oder zieht man sich innerlich zurück?

Ich persönlich finde es schade, wenn man sich selbst zu früh „zurückzieht“. Aber jede Frau geht ihren eigenen Weg.

Wie siehst du die gesellschaftliche Rolle der Frau in Italien heute?

Ich glaube, Frauen haben es nach wie vor nicht leicht. Es fehlt an ausreichender struktureller Unterstützung – etwa bei der Kinderbetreuung. Viele Frauen müssen enorm viel organisieren, um Familie und Beruf miteinander zu verbinden.

Oft tragen sie weiterhin den größeren Teil der familiären Verantwortung. Gleichzeitig verdienen Frauen im Durchschnitt weniger als Männer, selbst bei vergleichbarer Arbeit. Das führt zu einer wirtschaftlichen Abhängigkeit, die noch immer Realität ist.

Erlebst du auch kulturelle Unterschiede im Umgang mit Frauen?

Ja. Es gibt nach wie vor spürbaren Sexismus – besonders in sozialen Medien. Kritik wird schnell persönlich und abwertend, oft mit sexistischen Untertönen. Das ist tief in Sprache und Alltagskultur verankert.

Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass es in manchen Bereichen einen Rückschritt gibt. Gleichberechtigung ist kein abgeschlossener Prozess. Sie muss immer wieder verteidigt und neu ausgehandelt werden.

Was müsste sich deiner Meinung nach ändern?

Sichtbarkeit allein reicht nicht. Entscheidend ist, ob sich Strukturen verändern – wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Erst wenn Verantwortung wirklich geteilt wird und Frauen gleiche Chancen haben, kann man von echter Gleichberechtigung sprechen.

Wer mehr von Cinthias Kreationen sehen möchte, kann ihr auf Instagram.com/lekokedicinthia folgen.

Fotos: privat