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Wie Ultimo in Rom seinen Traum wahr machte – und warum ein Konzert mit 250.000 Menschen mehr ist als ein Rekord.

Wenn ich in Deutschland begeistert vom jungen römischen Sänger Ultimo erzähle, höre ich meistens: „Kenne ich nicht.“ Ganz anders in Italien. Ich war bei seinem Konzert in Tor Vergata in Rom – dem größten Konzert, das je in Italien gespielt wurde. Aber es war mehr als nur das. Es war pure Magie.

Am 4. Juli 2026 kamen 250.000 Menschen nach Rom, um Ultimo zu sehen. 250.000 zahlende Zuschauerinnen und Zuschauer – mehr als je zuvor bei einem Konzert in Italien. Damit übertraf der römische Sänger und Songwriter den bisherigen Rekord von Vasco Rossi, der 2017 beim „Modena Park“ rund 225.000 Menschen versammelt hatte.

Und ich war dabei.

Ultimo kam über Instagram in mein Leben. Vor etwa zwei Jahren tauchte ein Gedicht von ihm über Rom in meinem Feed auf. Eine Liebeserklärung an die Stadt – an das Rom der kaputten Bänke, der Freundschaften, der verfallenen Kirchen. An das Rom, das auch ohne Meer schön ist. An jene Ecken in Rom, die Touristen nicht wahrnehmen. Das Gedicht berührte mich. Dann entdeckte ich seine Musik – und wurde zum Ultimo-Fan.

In Italien füllt der römische Sänger die größten Konzertarenen. Ich hatte Videos seiner Konzerte auf Instagram gesehen. Ich hatte gesehen, wie die Menschen jedes Wort seiner Lieder mitsingen, tanzen, weinen, sich umarmen, vor ihren Liebsten auf die Knie sinken und um ihre Hand anhalten.

Als Ultimo im Sommer 2025 das Mega-Konzert in Rom auf dem Universitätsgelände Tor Vergata für 2026 ankündigte, war für mich klar: Da möchte ich hin.

Die 250.000 Tickets waren innerhalb von drei Stunden ausverkauft. Zwei Monate vor dem Konzert kam ich über die Wiederverkaufsplattform „Fansale“ doch noch an Karten. Denn ich wollte nicht nur Videos von Ultimos Konzerten sehen. Ich wollte selbst dort sein. Ich wollte erleben, wie es sich anfühlt, wenn 250.000 Menschen gemeinsam seine Lieder singen. Auch meinen Mann konnte ich dafür begeistern.

Und dann standen wir tatsächlich dort. In Tor Vergata. Mit 249.998 anderen Menschen.

Der Junge mit dem Klavier

Ultimo heißt eigentlich Niccolò Moriconi. Er wurde 1996 in Rom geboren und wuchs im Stadtteil San Basilio auf. Mit 8 Jahren begann er, am Konservatorium Santa Cecilia Klavier zu lernen. Mit 14 schrieb er seine ersten Lieder. Bevor er erfolgreich wurde, erlebte er zahlreiche Rückschläge und wurde mehrfach auch von Talent-Shows abgelehnt.

Doch dann begann das, wovon er schon immer geträumt hatte: Er gewann einen Hip-Hop-Wettbewerb und veröffentlichte 2017 sein erstes Album „Pianeti“. Im selben Jahr trat er als Vorprogramm bei einem Konzert des Sängers Fabrizio Moro auf – einem der ersten etablierten Musiker, die an den jungen Künstler glaubten. Mit dem Album kam sein Durchbruch. In einem Interview sagte Ultimo einmal: „Seit ich Pianeti veröffentlicht habe, erkennen mich die Leute.“

Ein Jahr später gewann Ultimo die Newcomer-Kategorie des Sanremo-Festivals, Italiens berühmtestem Musikwettbewerb. 2019 wurde er dort Zweiter.

Der Junge mit dem Klavier war nun ein Star.

Die Geschichte seines Aufstiegs wird in Italien gerne als die Geschichte eines Jungen aus einem schwierigen römischen Stadtteil erzählt. San Basilio liegt am nordöstlichen Stadtrand und wird in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder mit sozialen Problemen und Kriminalität verbunden. Doch Ultimo selbst sagte einmal, dass schwierige Kindheiten nicht an einen Stadtteil gebunden seien.

Sein Künstlername bedeutet der „Letzte“ oder auch der „Außenseiter“. Der Name Ultimo steht als Symbol für Menschen, die sich nicht gesehen fühlen oder sich außerhalb des Mainstreams wiederfinden.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich so viele Menschen in seinen Liedern erkennen. Ultimo singt über Einsamkeit, Unsicherheit, Liebe und Verlust, er fragt, wie das Leben funktioniert. Er schafft einen Raum, in dem Gefühle erlaubt sind und sich seine Fans – ungeachtet des Geschlechts oder der Identität – gesehen und verstanden fühlen. Seine Musik bewegt sich zwischen Pop, Hip-Hop und Rap. Seine Fans sagen: Ultimo findet Worte für das, was sie selbst fühlen.

Doch nicht jeder reagierte mit Begeisterung auf dieses Phänomen. In den italienischen Medien und bei einigen Kritikern gab es auch Gegenstimmen, die sagten, die Musik sei ‚zu einfach‘, zu wenig komplex in ihrer Komposition. Es gab sogar psychologisierende Interpretationen: Einige Kritiker sprachen von einer Art kollektiver Melancholie und behaupteten, Ultimo ziehe vor allem Menschen an, die depressiv seien oder in ihm einen ‚Erlöser‘ für ihre eigene Traurigkeit suchten.

Doch genau hier liegt vielleicht der Punkt, den die Kritiker übersehen: Dass Einfachheit oft die ehrlichste Form der Kommunikation ist und dass es es mutig ist, die eigene Verletzlichkeit so offen zu zeigen, dass Millionen andere sich darin wiederfinden können.

„Es gibt einen Jungen, der Angst und Verletzlichkeit in Lieder verwandelt hat – dieselben Lieder, in denen sich heute Millionen von Menschen erkennen“, schrieb jemand auf Instagram.

Auch wer kein Italienisch versteht, kann das spüren.

Eine deutsche Frau kommentierte unter einem Konzertvideo: „Ich verstehe die Texte nicht, aber die Musik berührt mich total.“

(K)ein Konzert im Keller

In einem Video aus dem Jahr 2017 fragt Ultimo seine damals noch überschaubare Fangemeinde, wer denn zu einem Konzert kommen würde. Er wolle wissen, ob er einen Raum mieten müsse – oder ob vielleicht der Keller ausreiche.

Damals wusste er zwar noch nicht, dass er eines Tages vor 250.000 Menschen spielen würde. In einem späteren Instagram-Video sagte er aber, dass er „schon immer gewusst habe“, dass er eines Tages das erleben würde, was er heute durch seinen Erfolg erfährt.

Fabrizio Moro, der ihm damals die Chance gegeben hatte, als Vorband aufzutreten, wurde von Ultimo als einziger Gast auf die Bühne seines großen Konzerts eingeladen. Hier schloss sich der Kreis.

Wenn Märchen wahr werden

Das Konzert in Tor Vergata, das in die Geschichte eingehen wird, trägt den Namen „La Favola per Sempre“ – „Das Märchen für immer“. Das Konzert war für Ultimo ein lebenslanger Traum, der nun in Erfüllung gehen sollte. Er erzählt in Interviews, dass er als Kind davon geträumt hatte, in riesigen Stadien wie dem Stadio Olimpico in Rom aufzutreten. Was er mittlerweile auch mehrfach tat. Dass er schließlich vor 250.000 Menschen auftrat, glich einem modernen Märchen.

Doch bevor die Menge am 4. Juli 2026 gemeinsam seine Lieder sang, ließ Ultimo bereits für einige Menschen ein anderes Märchen wahrwerden: Er lud 1.500 Fans, Menschen mit Behinderungen und ihre Begleitpersonen, zur Generalprobe ein.

Sie erlebten die Show bereits vor dem eigentlichen Konzert – exklusiv, kostenfrei und ohne die gewaltige Menschenmenge, die zwei Tage später nach Tor Vergata kommen sollte.

Auch wenn Ultimo jetzt so erfolgreich ist, vermittelt er nicht das Bild eines unerreichbaren Stars, sondern eines Menschen, der seinen Weg gegangen ist und dabei seine Wurzeln bewahrt hat.

Groß, größer, riesig

Die Dimensionen des Konzerts sind kaum vorstellbar und erforderten eine immense Organisation: Eine 160 Meter lange Bühne, 18 gewaltige Bildschirme, 34 Audiotürme, Tausende Mitarbeitende, medizinische Einsatzkräfte, Sicherheitskräfte, Wasserstellen und unzählige mobile Toiletten.

Auch die Anreise der 250.000 Menschen musste gut organisiert werden, da das Gelände außerhalb des römischen Zentrums liegt. Die Veranstalter empfahlen dringend die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Um die Sicherheit und das Nachhausekommen der Menschenmenge zu gewährleisten, sollte die Metro die ganze Nacht fahren – in der Geschichte Roms ziemlich einzigartig und auch eine logistische Herausforderung. Ermöglicht wurde das durch eine finanzielle und organisatorische Einigung zwischen Konzertveranstaltern und der Stadt Rom. Um ein Chaos an den Schaltern zu vermeiden, war die Rückfahrt mit der Metro im Ticketpreis enthalten.

Mehr als 175.000 Menschen nutzten den öffentlichen Verkehr, unterstützt von zusätzlichen Zügen, Shuttles und Hunderten Einsatzkräften.

Dass Rom diese Herausforderung annahm, zeigt auch die besondere Dimension dieses Abends: „La Favola per Sempre“ war nicht nur ein Konzert, sondern ein Großereignis, das eine ganze Stadt bewegte.

Der wirtschaftliche Effekt für Rom wird auf rund 90 Millionen Euro geschätzt. Das ist nicht Ultimos persönlicher Verdienst, sondern der erwartete wirtschaftliche Gesamteffekt für die Stadt und das Umfeld.

Vom Colosseum nach Tor Vergata

Vom römischen Zentrum aus gab es verschiedene Möglichkeiten, zum Festivalgelände zu kommen: Mit dem Auto, der Metro, von dort mit Shuttlebussen oder zu Fuß. Mein Mann und ich wählten die Möglichkeit, vom Colosseum aus mit der Metro C bis zur Station Giardinetti zu fahren und von dort drei Kilometer zu Fuß zu laufen.

Als wir gegen 20 Uhr am Colosseum in die Metro stiegen, war der Zug ziemlich leer. Die meisten Fans waren wie gehofft schon nachmittags zum Festivalgelände gefahren, andere campierten bereits seit einer Woche auf dem Gelände. Wir waren bewusst als Nachzügler unterwegs.

An der Station Giardinetti stiegen mit uns nur noch etwa 30 Menschen aus, die sich ebenfalls für den Fußmarsch entschieden hatten. Irgendwie gehörten wir jetzt zusammen: Die Ultimo-Fans auf dem Weg zu Ultimo.

Vor der Metrostation schallte uns von rechts und links seine Musik aus den Bars entgegen. Eine Polizistin hielt den Verkehr an und feuerte uns gut gelaunt an, schnell die Straße zu überqueren und wies auf den ausgeschilderten Weg zum Konzertgelände hin.

Kurz darauf drückte mir eine junge Frau einen Flyer in die Hand: „Ultimo-Cornetti!“ Der Flyer versprach frische Croissants nach dem Konzert. Auch ein Supermarkt warb mit einem Ultimo-Special: Pizza und Getränk für vier Euro.

Wir liefen durch ein römisches Vorstadtviertel mit kleinen Häuschen und niedrigen Wohnblocks. Menschen saßen auf ihren Balkonen und beobachteten die Fans, die durch ihr Quartier spazierten.

Wir sahen auch die Spuren der Menschen, die bereits am Nachmittag hier vorbeigekommen waren: Überquellende Mülleimer mit leeren Wasserflaschen, auf großen Haufen die Flaschen, die nicht mehr in die Mülleimer gepasst haben. Die Plastikhaufen sahen wild aus, aber immerhin lagen die Flaschen ordentlich beieinander.

Und dann war da dieses Gefühl: Wir waren wirklich Teil von 250.000 Menschen auf dem Weg zu einem Konzert!
(Und gleichzeitig war klar: 250.000 Menschen müssen anschließend wieder nach Hause …)

Wasser, Wiesen, Vorfreude

Endlich erreichten wir das Festivalgelände. Ein Lastwagen stand an der Straße, zwei Männer verteilten Wasserflaschen. Ich fragte, was sie kosten. „Ha pagato LUI“, sagte einer der Männer mit Stolz in der Stimme. ER hat bezahlt. „ER“ war Ultimo.

Wir waren froh über das Wasser. Es war heiß und wir waren noch lange nicht am Einlass. Über staubige Wege und vertrocknete Wiesen näherten wir uns nur langsam den Kontrollen. Dann endlich: Tickets wurden geprüft, Rucksäcke durchsucht. Das Wasser durften wir behalten.

Als ich das Gelände endlich überblickte, atmete ich auf: Die 250.000 Menschen verteilten sich erstaunlich entspannt über das riesige Areal. Kinder sprangen herum, Menschen saßen auf Decken im Gras. Meine Sorge vor Gedränge und Enge war unbegründet. Stattdessen lag Vorfreude wie eine warme, weiche Sommerbrise in der Luft.

„Pianeti“ – Wenn Steine zu Planeten werden

Wir fanden unseren Abschnitt, den sogenannten PIT 5. Das Konzertgelände war in sechs Abschnitte eingeteilt, PIT 5 war also ziemlich weit hinten. Ich hatte 69 Euro für ein Ticket bezahlt und mich nicht darum gekümmert, wo genau wir stehen würden. Ich war einfach froh gewesen, überhaupt noch Karten zu bekommen. Jetzt fand ich es erst einmal schade, nicht viel näher an der Bühne zu stehen.

Dann hörten wir die Rotoren eines Hubschraubers. Ultimo war im Anflug!

Kurz darauf begann das Konzert.

Mit „Pianeti“.

Sein Song über Isolation und Sehnsucht, der Song, der als Grundstein für Ultimos Erfolg steht. Mit der Botschaft, dass man von einem kleinen, einsamen „Planeten“ aus starten kann, um später vor Hunderttausenden von Menschen zu stehen.

Für einen Moment hielten 250.000 Menschen inne. Dann sangen sie. Alle kannten die Worte. Wirklich alle.

Ich bekam Gänsehaut und feuchte Augen.

E ho perso voli
E ho perso treni
Ma il mondo l’ho trovato sotto ai piedi

Und ich habe Flüge verpasst
und ich habe Züge verpasst,
aber die Welt habe ich unter meinen Füßen gefunden

Wenn 250.000 Menschen jedes Wort eines Künstlers mitsingen, wird der Künstler selbst beinahe Teil des Chores.

Ein Instagram-Nutzer schrieb später: „Wir wurden zu einer einzigen Stimme.“

Genau so fühlte es sich an.

Und sie kennen jedes Wort

So textsicher wie die Menschen um uns herum waren wir nicht. Aber sie trugen uns mit. Song für Song. Wort für Wort. (Vor allem) junge Menschen, aber auch einige ältere, sangen und tanzten gemeinsam an diesem Abend unter dem römischen Sternenhimmel.

Sie feierten Ultimo. Aber ich glaube, sie feierten auch sich selbst.

Bruce Springsteen hat einmal in etwa gesagt, die Menschen kämen zu seinen Konzerten nicht nur, um ihn zu sehen. Sie kämen, um sich selbst zu sehen.

Vielleicht ist das auch hier so. Denn nicht alles war perfekt.

Wer nicht direkt an der Bühne stand, sah Ultimo nur auf den riesigen Bildschirmen. Und die fielen auch immer mal wieder aus. Der Ton war am Anfang zu leise, manchmal kam er verzögert. Ich sah Ultimo auf einem Bildschirm nur über eine Reihe blauer Toilettenkabinen hinweg.

Für einen kurzen Moment ärgerte ich mich. So weit gereist. So viel Aufwand. Aber dann wurde mir bewusst: Ich kann mich jetzt entscheiden. Ich kann mich über das ärgern, was nicht funktioniert. Oder ich kann mich auf das konzentrieren, was funktioniert.

Ich entschied mich für die Fülle. Ich sang mit, wo ich den Text kannte. Ich tanzte mit meinem Liebsten und mit Menschen, die ich noch nie gesehen hatte. Und ließ mich tragen – von der Musik, der Stimmung, der warmen Luft.

Ein Konzertbesucher schrieb später auf Instagram zum Auftaktsong Pianeti:

„Du bist in PIT4.
Die Bühne ist nicht sichtbar.
Der Monitor hat beschlossen, abzuschalten.
Du siehst dich um und alles leuchtet auf.
Du bist glücklich.
Die Menschen um dich herum sind glücklich.
Einige sind bewegt, andere umarmen sich.
Der Song ist wunderbar.“

Und genau das ist für mich das Faszinierende an diesem Abend: Man muss Ultimo nicht unbedingt sehen, um Teil des Konzerts zu sein. Es reicht aus, die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Die 250.000 Menschen waren nicht nur Publikum. Sie waren die Show.

Wir sind Geschichte!

Drei Stunden lang gab Ultimo alles. Am Ende las er einen Brief vor, eine Liebeserklärung an seine Fans. Er betonte dabei, dass dieser Rekord nicht sein persönlicher Sieg sei, sondern der Erfolg einer ganzen Gemeinschaft von Menschen, die an ihn geglaubt hatten. Dass das Ereignis wie ein Märchen – „La favola per sempre“ – sei, das beweise, dass Träume, egal wie unrealistisch sie anfangs erscheinen, wahr werden können.

Er rief seinen Fans zu: „Hört nie auf, an Märchen zu glauben!“
Und: „Siamo nella storia!“ Wir sind Geschichte!

Ein Märchen, das in die italienische Musikgeschichte eingegangen ist.

Dann wurde der Himmel über Tor Vergata hell. Ein gigantisches Feuerwerk beendete einen unvergesslichen Abend.

Und dann machten sich 250.000 Menschen auf den Heimweg. Und plötzlich war dieses Märchen vorbei.

Der „Deflusso“ – Die Rückkehr der Tausenden

Bereits vor dem Ende des Konzerts machte sich Unruhe bemerkbar. Der „Deflusso“ begann – der „Abfluss“ dieser riesigen Menschenmenge. Viele hatten Angst, nicht mehr rechtzeitig nach Hause zu kommen – obwohl klar war, dass die Metro die ganze Nacht fahren würde.

Auch wir befanden uns plötzlich mitten in einer Menschenkarawane, die alle in die gleiche Richtung drängte. Wir konnten uns nicht mehr orientieren. Kamen wir von rechts? Über den Hügel? Oder geradeaus? Eine Frau, die zielgerichtet einen Weg entlanglief, fragte ich, wohin dieser Weg führe. Sie wusste es nicht. Ein junger Mann wusste ebenfalls nicht, wo es zur Metro ginge. Ich fragte mich: Wohin laufen eigentlich alle?

An einer Absperrung stand eine Polizistin. Viele Menschen fragten sie nach dem Weg, auch wir. Geduldig zeigte sie auf einen unbeleuchteten Weg über eine Wiese. Wir liefen los, so wie Tausende weitere.

Wie wir später erfuhren, hatten einige Leute Wegweiser als „Erinnerung“ mitgenommen. Dadurch irrten viele Fans herum und suchten den Heimweg. Einige dieser Wegweiser tauchten später auf Vinted auf und wurden zum Kauf angeboten.

Irgendwann erkannten wir den Weg wieder und erinnerten uns an die Abkürzungen. Wir liefen über Wiesen und stiegen über Leitplanken, um schneller an der Metrostation zu sein als die anderen. Und dann, kurz vor der Station, sahen wir sie: Die Frau vom Hinweg. Die Frau mit den Flyern.

Vor ihr standen große Schachteln mit frischen Croissants, mit „Ultimo-Cornetti“. Ein kurzer Stopp in der Schlange, dann wanderten zwei frisch gebackene Cornetti alla crema für den späteren Genuss in den Rucksack. Der nächtliche Einkauf erinnerte mich an lang vergangene Zeiten, als man nach der Disco um drei Uhr morgens direkt in die Backstube spazierte und mit warmen Croissants ein erstes Frühstück mit Freunden zelebrierte.

An der Metrostation wurden wir ausgebremst. Darüber war ich froh, denn beim Gedanken an Menschenmassen, die sich unkontrolliert in die Metro ergießen, war mir unwohl gewesen. Aber Polizei und Mitarbeitende hatten vorgesorgt und eine Art Parcours aufgebaut. Der Menschenstrom wurde in langen Schlangen zur Station geführt. Niemand kam schnell voran, aber alles blieb friedlich.

Endlich im Zug standen wir eng an eng. Der kalte Luftstrom der Klimaanlage blies mir in den Nacken. Um uns herum: Müde Ultimo-Fans. Eine junge Frau sank erschöpft neben ihrer Mutter auf den Boden. Ein Mädchen neben mir hatte rote Augen und rote Wangen. Ihre Freundin reichte ihr besorgt eine Wasserflasche.

Noch über eine halbe Stunde bis zum Colosseum. Als wir endlich aus der Metro stiegen und mit der Rolltreppe nach oben fuhren, war es 2.30 Uhr.

Die Menschenmenge zerstreute sich. Müde aber beglückt.

Magie

Ein Junge aus Rom hatte einen Traum. Er wollte vor möglichst vielen Menschen seine Musik spielen. Einige hielten das für Größenwahn. Dann kamen 250.000 Menschen und verbrachten einen unvergesslichen Abend. 250.000 Menschen, die sich für einen Abend an einem Ort getroffen haben, weil er das Märchen wahrwerden ließ. 250.000 Menschen, die sich in Tor Vergata für einige Stunden als Teil von etwas Größerem erlebten.

Vielleicht ist das die eigentliche Magie eines Konzerts.

Nicht, dass 250.000 Menschen einen Künstler sehen.
Sondern dass 250.000 Menschen für einen Abend gemeinsam fühlen.

Und die Erinnerung daran, unsere Träume umzusetzen.

Daje Ultimo

Wir setzten uns vor dem Colosseum auf eine noch warme Steinmauer und schauten dem Mond zu, wie er über den Himmel zog.

In meiner Tasche wartete noch das Ultimo-Cornetto. Ich packte es aus und aß es genüsslich.
Mit Ultimos Stimme im Ohr und seiner Poesie im Herzen.

Daje*.
Ultimo.
Grazie.

*Daje ist ein römisches Wort, das je nach Kontext eine andere Bedeutung hat. Wenn ein Römer „Daje“ sagt, dann aktiviert er eine Energie, die sagt: „Egal was passiert, wir ziehen das jetzt durch.“

Info

Offizieller Ultimo-Channel auf Youtube.
Mein Lieblingssong Ti dedico il silenzio www.youtube.com
Aktueller Song: Quando dorme la città