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Anna Possi führt mit 100 Jahren noch immer ihre Bar in Nebbiuno am Lago Maggiore. Als ich zum ersten Mal auf Instagram von ihr las, wusste ich: Ich möchte sie kennnenlernen. Jetzt stehe ich tatsächlich vor der Bar Centrale. Rechts neben dem Eingang hängt ein Plakat, das mir bestätigt: Hier finde ich „La Barista longeva d’Italia“. Die älteste Barista Italiens.

Als ich die Bar betrete, sind alle Tische leer. Das ist gut für ein Interview, für „Nonna Anna“ allerdings ein Problem. Denn „nur wer etwas zu arbeiten hat, verdient auch etwas“ wird sie später sagen. In der Küche hinter dem Tresen höre ich es klappern. Auf mein lautes „Buongiorno“ tritt Signora Anna aus der Küche und schaut mich neugierig und interessiert mit wachen Augen an. Als ich mich als Journalistin vorstelle und nach einem Interview frage, stimmt sie sofort zu und legt direkt los: „Mir hätte es gefallen, zu reisen, aber ich konnte es nie. Aber heute kommt die Welt zu mir. Die Leute schicken mir Postkarten aus ihren Orten und dann gehe ich ins Internet und schaue, wo die Leute herkommen. So bin ich im Kontakt mit der Welt.“

Signora Possi, Sie sind die älteste Barista Italiens.

Im November werde ich 101.

Ich habe gelesen, dass Sie sagen, man darf Cappuccino auch nach 12 Uhr trinken. Machen das nur die Deutschen oder machen das auch die Italiener?

Nur die Deutschen trinken noch Cappuccino um 12.30 Uhr. Die Italiener trinken dann nur noch einen Caffè (also einen Espresso) oder ein Wasser, sie trinken auch keine Liköre oder Wein. Sie müssen ja fahren und dann geht das nicht. Für mein Geschäft ist das allerdings nicht so gut. Aber ich bin mit dem Wenigen zufrieden, das da ist und das Wenige ist immer da.

Das ist sehr besonders zu hören, in einer Welt, in der Menschen immer mehr wollen.

Immer mehr zu wollen ist Egoismus, es gibt so viel Neid und Eifersucht. Die Welt hat sich verändert, ich sehe sie immer schrecklicher werden. Wir haben keine schöne Zukunft vor uns. Alle streiten, es gibt Krieg und alles wegen des Geldes. Es ist das Geld, das uns ruiniert. Als die Menschen arm waren, gab es mehr Heiterkeit. Man hörte immer jemanden singen. Die Menschen haben auf den Feldern gearbeitet und dabei gesungen. Jetzt herrscht Grabesstille. Die Jungen singen nicht mehr, sie haben nur noch ihr Handy in der Hand und sind isoliert. Mir kommt das vor, wie etwas, das beabsichtigt ist. Wenn wir uns nicht mehr miteinander verbunden fühlen, sind wir isoliert und das zerstört uns.

Die Bar Centrale hat jeden Tag geöffnet. Sie sind jeden Tag hier?

Jeden Tag. Von Oktober bis Juni von 7-18 Uhr, im Juli und August bis 20 Uhr, im September bis 19 Uhr. Wenn ich das Licht anmachen muss, schließe ich die Bar. Denn der Strom kostet mich mehr, als wenn ich noch zwei Caffè verkaufe oder wenn ich den Holzofen anfeuern muss.

Sie sagen, die Leute konsumieren nicht mehr so viel wie früher?

Früher haben die Leute zwei – drei Mal etwas bestellt, wenn sie da waren, heute sitzen sie zwei Stunden bei einem Caffè oder trinken nur ein kleines Wasser. Die Kosten hingegen erhöhen sich jeden Tag. Das Wasser wird teurer, der Müll, das Holz. Im Haus geht ständig etwas kaputt. Es sind die unvorhersehbaren Dinge, die die Unsicherheit bringen.

Sie wollten immer die Welt entdecken, aber es kam anders.

Als ich jung war, bin ich von hier weggegangen, um im Collegio zu studieren. Ich wollte Reisebegleiterin werden, weil es mir gefallen hätte, in der Welt unterwegs zu sein. Aber ich konnte es nie sein. Wenn die Dinge anders kommen, ist es wichtig eine Arbeit zu machen, die man gerne tut, dann spürt man nicht die Opfer, nicht den Verzicht, nicht die Müdigkeit. Als ich mit der Schule fertig war, begann ich mit 18 Jahren in einem Hotel zu arbeiten. Nach ein paar Jahren habe ich meinen Mann kennengelernt, der ein kleines Hotel besaß. Zwei Jahre später bekam er einen Herzinfarkt, seinen ersten. Damals gab es noch keine gute medizinische Versorgung, deshalb beschlossen wir, den Stress zu reduzieren, das Hotel zu schließen und 1958 gemeinsam die Bar zu eröffnen. Es war viel Arbeit, aber wir brauchten keine Angestellten und konnten zu zweit arbeiten. 1974 hatte er einen weiteren Infarkt. Wir hatten Schulden bei der Bank und mussten das Darlehen mit hohen Zinsen zurückbezahlen. So habe ich weiter gearbeitet. Denn wenn man arbeitet und jemand kommt, verdient man etwas, wenn man nicht arbeiten kann, verdient man nichts.

Nach seinem Tod habe ich alleine weitergemacht und es geschafft, meine Kinder zu unterstützen, so dass sie studieren konnten. Ich bin nie gereist, obwohl ich es so gerne getan hätte. Ich bin nie zum Abendessen ausgegangen. Ich esse sehr wenig. Alles was ich trage, ist gebraucht oder selbstgemacht. Und jetzt kommen die Journalisten und interviewen mich. Das kommt mir vor wie eine Belohnung. Es ermöglicht mir, viele Menschen kennenzulernen und das schenkt mir eine große Zufriedenheit. Mir geht es gut: Ich habe eine Arbeit, die mich zufrieden macht, ich mag es zu kommunizieren, mit Menschen zusammen zu sein.

Sie haben sich neben der Bar damals auch um ihren Mann gekümmert, als er krank wurde.

Als mein Mann im Krankenhaus war, war ich bei ihm. 18 Tage und Nächte. Als ich ihn fragte: „Was tue ich nur, wenn du nicht mehr da bist?“ sagte er: Anna, wer nichts Schlechtes tut, braucht keine Angst zu haben. Er hatte auch immer gesagt: Anna, wenn du helfen kannst, helfe. Das was zur Tür hinausgeht, kommt durchs Fenster wieder zurück. Wenn du kannst, helfe anderen. Ich habe das weitergelebt. Immer wenn jemand Unterstützung braucht, verschenke ich mein Trinkgeld. Letzten Monat war das Kind einer jungen Frau im Krankenhaus und ich habe dem jungen Mann, der sie jeden Abend ins Krankenhaus fuhr, damit sie dem Kind zu essen bringen konnte, mein Trinkgeld als Benzingeld gegeben. Außerdem unterstütze ich jetzt im August eine Organisation, die sich um ausgesetzte Tiere kümmert. Ich kann nicht viel geben, aber das bisschen, das ich geben kann, gebe ich. Wenn ich reich wäre, wäre ich noch viel großzügiger. Das Wichtigste ist die Gesundheit. Wenn man gesund ist, kann man allem entgegentreten.

Gibt es ein Geheimnis für ein langes, gesundes Leben?

Ich habe kein Geheimnis. Ich esse wenig, ein Toast mit Marmelade und einen Tee zum Frühstück, zu Mittag ein paar Tomaten mit Eiern und einen Toast. Abends esse ich eine Gemüsesuppe. Manchmal koche ich mir Obst ein, wie gestern abend die Nektarinen, die noch zu fest waren, um sie zu essen. Ich esse zum Beispiel 10 Gramm Spaghetti mit ein paar Tomaten und ein bisschen Käse, mehr schaffe ich nicht. Und manchmal esse ich ein Eis.

Sie führen ein sehr regelmäßiges Leben. Hilft ein solcher Rhythmus, lang und gesund zu leben?

Ich denke ja. Ich wache um 6 Uhr auf, um 7 Uhr öffne ich die Bar. Ich kümmere mich um den Garten, richte die Kaffeemaschine und warte auf meine Stammkunden. Wenn außer den Stammkunden noch jemand kommt, ist das schön, ansonsten sage ich mir, morgen ist auch noch ein Tag. Ich nehme das Leben wie es kommt. Abends schließe ich um 8 Uhr die Bar, um 9 Uhr schlafe ich, immer mit offenem Fenster, im Sommer und im Winter. Morgens stehe ich wieder auf, für einen Tag mit neuer Hoffnung. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Das Glück gibt es für niemanden, es gibt nur eine innere Zufriedenheit. Wenn Sie zufrieden sind, sehen Sie alles positiv. Die Menschen, die mich besuchen, sagen: Signora Anna, bei Ihnen kann ich meine Energie auftanken. Dann sage ich: Dann kommt zu mir, anstatt beim Bankomaten aufzutanken. Trinkt einen Caffè und ladet eure Energie kostenlos wieder auf. Die Leute sagen auch: Anna, du bist nie traurig. Dann sage ich: Ich bin traurig, wenn ich einen Ruhetag einlegen soll, deshalb gibt es bei mir keinen Ruhetag. Sonst werde ich melancholisch und das möchte ich nicht. Wenn man selbst heiter ist, überträgt sich das auf die anderen. Wenn man selbst traurig ist, dann tut das nicht gut. Man sollte versuchen, selbst heiter zu sein, um den anderen Kraft zu geben.

Signora Anna, wenn heute jemand zum Beispiel 60 Jahre alt ist: Können Sie einen Tipp geben für die nächsten 40 Jahre?

Mein Rat: Arbeiten Sie. Auch wenn Sie im Ruhestand sind, suchen Sie sich immer eine Perspektive und setzen Sie sich nicht vor den Fernseher und schließen Sie sich nicht zu Hause ein. Gehen Sie unter die Leute, machen Sie Sport, fahren Sie Fahrrad. Geben Sie nicht auf. Solange Sie gesund sind, machen Sie auch im Ruhestand das weiter, was Sie vorher gemacht haben. Unterbrechen Sie diesen Lebensrhyhtmus nicht, das zerstört den Menschen. Wenn man nicht mehr acht Stunden arbeiten kann, arbeitet man eben vier. Machen Sie langsamer, aber hören Sie nicht auf, etwas zu tun. Das ist ganz wichtig, ich sage das aus eigener Erfahrung. Als sie mir wegen Covid die Bar geschlossen hatten, habe ich gedacht, ich werde verrückt. Ich habe immer gebetet, dass ich nicht verrückt werde, denn dann hätten sie mich in ein Altersheim gebracht und das wollte ich auf keinen Fall. Was soll ich dort? Darauf warten, dass ich sterbe? Nein.

Viele Frauen denken heute, ab 50 seien sie alt.

Aber nein! Was sind denn 50 Jahre? Mit 70 habe ich auf das Kind meiner Tochter aufgepasst und dabei gearbeitet. Sie ist arbeiten gegangen und das Baby von drei Monaten war hier in der Bar. Wenn es geweint hat, hat sich einer der Gäste gekümmert. 

Kommen viele Touristen bei Ihnen vorbei?

Aber natürlich! Hier ist das Gästebuch mit den Eintragungen der Besucher, die sie mir hinterlassen und hier ist die Mappe mit den Zeitungsartikeln.

Sie sind berühmt! Ich sehe hier auf dem Foto, dass ganze Busladungen zu Ihnen kommen.

Ja, einmal kamen auf einen Schlag 50 Leute, um bei mir einen Kaffe zu trinken. Das ist gut für mich, so kann ich etwas verdienen.

In Ihrem Gästebuch sind sehr viele Einträge auf deutsch.

Da ich leider kein deutsch verstehe, nehme ich mir abends die Seite mit der Widmung und gehe zu google und sage: Übersetze! Und dann kann ich es lesen.

Sie haben einen Computer?

Aber sicher. Ich brauche ihn. Wenn ich Zeit habe, lese ich die Zeitung, Journale, die Nachrichten. Wenn Sie jetzt nicht hier wären, würde ich lesen. Ich lese zuerst die Stampa, den Corriere … dann lese ich die regionalen Nachrichten, wie zum Beispiel den Provinciale, dann lese ich die lokalen Nachrichten und schaue, was los ist. Wenn ich es morgens nicht schaffe, mache ich das abends, wenn ich schließe. Wenn meine Kunden morgens kommen, erzähle ich ihnen, was los ist in der Welt. Wenn sie erstaunt sind, woher ich das alles weiß, sage ich, dass ich es gestern abend im Internet gelesen habe. Meine Neffen haben mir gezeigt, wie man den Computer benutzt. Auch wenn ich mal einen falschen Knopf gedrückt habe, helfen sie mir weiter.

Sie sind auch berühmt für Ihren Apfelkuchen, La torta di Nonna Anna.

Ich bringe Ihnen zwei Stück!

Gibt es etwas, was Sie jungen Frauen mitgeben möchten?

Diese letzte Generation hat keine Leidenschaft mehr. Ich mag das Stricken, das Arbeiten, das Kochen, das Backen. Die jungen Frauen, die ich kenne, arbeiten, gehen nach Hause und dann kommt nichts mehr. Kein Stricken, kein Kochen, sie sind immer müde.

Wie findet man seine Leidenschaft?

Eine Passion kann man nicht finden, die hat man oder man hat sie nicht. Ich mag die einfachen Sachen, ob beim Kochen oder beim Backen. Ich mag es, mir die Pasta selbst zu machen. Gerade im Winter, wenn ich Zeit habe, bereite ich mir auch mal Gnocchi vor und wenn ich nicht weiß, was ich essen soll, hole ich sie aus dem Gefrierschrank. Das ist keine Frage von Zeit. Diese Dinge zu tun ist eine Frage von Passion. Alles im Leben hat aber seine Zeit. In meinem Alter kann ich nicht mehr reisen gehen, das wäre viel zu unsicher für mich.

Wie geht es Ihnen körperlich mit 100 Jahren?

Ich bin wie ein Oldtimer, der immer irgendwas hat. Aber ich bin gesund, auch wenn die Muskeln schmerzen. Abends massiere ich meine Beine mit Arnika, weil ich den ganzen Tag auf den Beinen bin. Das tut mir sehr gut.

Hier gehts zur Bar Centrale von Signora Anna

Wo: Bar Centrale, Nebbiuno, Lago Maggiore
Öffnungszeiten: Oktober-Juni, 7-18 Uhr, Juli / August 7-20 Uhr, September 7-19 Uhr
Unbedingt probieren: La torta di mele di Nonna Anna, Nonna Annas selbstgemachter Apfelkuchen

Eine großartige Frau. Ein Besuch bei Nonna Anna bereichert das Leben. Nicht nur wegen des Apfelkuchens ….

Den Besuch in Bildern gibts am Ende des Beitrags.

Zum Projekt „Ciao Italia“

Im Sommer 2025 habe ich mit dem Fiat 500e (Danke an Fiat / Stellantis Deutschland für das Bereitstellen des Autos als Pressefahrzeug) einen 6-wöchigen Roadtrip einmal rund um Italien gemacht. Auf meinem Blog und auf Instagram berichte ich über meine Erlebnisse und gebe die Interviews wieder, die ich unterwegs mit Frauen 40plus über ihr Leben in Italien und über das italienische Lebensgefühl jenseits der Klischees geführt habe.

Warum ich diesen Roadtrip gemacht habe? Als Frau Mitte 50 möchte ich Frauen ermutigen und inspirieren, Abenteuer zu wagen und (Reise)Träume zu verwirklichen – egal wie alt man ist. Als Halbitalienerin war es für mich auch eine besondere Erfahrung und ein wunderbares Gefühl der Freiheit, alleine  um den Stiefel zu fahren und dieses Land immer wieder neu zu entdecken.

Besuch bei Anna Possi in Bildern

Die älteste Barista Italiens (oder der Welt?) im Video

Fotos & Video: Joe Cavallucci